Das Priestertum aller Gläubigen

Bruch mit der kirchlichen Tradition

Martin Luther hat das Weihepriestertum ganz bewusst abgelehnt und durch ein neu definiertes „Priestertum aller Gläubigen“ ersetzt. Mit allen Konsequenzen hat er die sogenannte „Apostolische Sukzession“ aufgegeben, das heißt die Weitergabe der apostolischen Vollmacht durch das sakramentale Zeichen der Handauflegung durch Bischöfe in einer ununterbrochenen Linie von den Aposteln bis in die Gegenwart. Dieser Bruch mit der kirchlichen Tradition hat unter allen Auswirkungen der Reformation die weitreichendste Bedeutung für das praktische Leben der Kirche. Der verhängnisvolle Schritt beruht nicht nur auf der Ablehnung der kirchlichen Überlieferung nach dem ohnehin unzulässigen Prinzip „Allein die Schrift“, sondern auch auf einer falschen Auslegung der biblischen Texte selbst. Notwendig ist eine Neubesinnung auf der Grundlage einer ehrlichen und sachlichen Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis unseres Herrn Jesus Christus.

Von Andreas Theurer

Die protestantische Theologie hebt das sogenannte „Priestertum aller Gläubigen“ hervor. Was ist darunter zu verstehen?Der Begriff des Priestertums aller Gläubigen ist auch Katholiken durchaus geläufig, vor allem seit dem 2. Vatikanischen Konzil. Jedoch wird er evangelischerseits ganz anders verstanden und ist für die protestantische Pastoral von enormer Wichtigkeit. Das unterschiedliche Verständnis vom Priestertum hat wohl die größten praktischen Auswirkungen für das kirchliche Leben, welche von der Reformation ausgegangen sind.

Braucht es ein Weihepriestertum?

Während wir in der katholischen Kirche das Priestertum aller Gläubigen als die Berufung eines jeden Getauften und Gefirmten zur Mitwirkung an der priesterlichen Sendung der Kirche in die Welt verstehen, meinen die Protestanten damit, dass – wie Luther es einmal formulierte – jeder, der „aus der Taufe gekrochen“ sei, damit auch schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei. Die protestantische Theologie bestreitet also schon grundsätzlich, dass es so etwas wie ein Weihepriestertum überhaupt gibt. Nach ihrem Verständnis sind alle Christen „gleich“. Die verschiedenen Amtsträger, die sie natürlich auch haben, sind lediglich Inhaber einer besonderen Beauftragung, nicht eines besonderen Charismas oder gar eines „character indelebilis“, also einer unauslöschlichen Prägung, die man nach altkirchlichem Glauben mit der Weihe empfängt.

Oder genügt eine Beauftragung?

Deshalb haben protestantische Gemeinde- oder Kirchenleiter auch weder Priester- noch Bischofsweihe. In der Ordination empfangen sie zwar (meistens) unter Handauflegung und Gebet einen Segen und eine widerrufbare Beauftragung. Sie können aber dadurch kein bisschen mehr als jeder Laie, sie dürfen nur mehr. Und wenn ein Pfarrer zum Kirchenleiter gewählt wird und sich nun Bischof nennt, bekommt er deswegen trotzdem keine Bischofsweihe, sondern nur wieder unter Handauflegung und Gebet einen Segen und eine (heute meist zeitlich befristete) Beauftragung.

Ist das protestantische Abendmahl ein Sakrament?

Aus katholischer und protestantischer Sicht – und das macht die oben genannte enorme praktische Bedeutung dieses Sachverhalts aus – können diese Amtsträger also nicht mehr oder bessere Sakramente spenden, als jeder Laie. Hierin liegt auch aus altkirchlicher (d.h. nicht nur aus katholischer, sondern auch aus orthodoxer und altorientalischer) Sicht der Hauptgrund für die Unmöglichkeit, das protestantische Abendmahl als Sakrament anzuerkennen.

Wie wird die evangelische Sichtweise biblisch begründet?

Die protestantische Auffassung stützt sich hauptsächlich auf eine einzige Bibelstelle: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde…“ (1 Petr 2,9). 

Nun ist die klassische protestantische Deutung dieser Bibelstelle, als würde sie die Abschaffung des Priestertums belegen, aus exegetischer Sicht ganz offensichtlich falsch. Denn Petrus zitiert hier – wie ein Blick ins Alte Testament beweist – wörtlich aus Ex 19,5-6 – wo ja im Zusammenhang gerade nicht die Abschaffung des besonderen Priestertums, sondern seine Einführung begründet wird! Zweifellos meinte Petrus, als er diese Stelle schrieb, nicht das, was Luther in sie hineinlas, sondern das glatte Gegenteil: gemeinsam mit den Schriftgelehrten des Alten Bundes bezog er Ex 19 auf die priesterliche Reinheit des Gottesvolkes, die Gott von ihm erwartet. So wie Mose nicht gleichzeitig die Einführung und die Abschaffung des besonderen Priestertums verkündete, so forderte Petrus auch nicht, dass alle Gläubigen priesterliche oder gar bischöfliche Funktionen ausüben sollten.

Gibt es sonst keine biblische Begründung für die protestantische Auffassung vom Priestertum aller Gläubigen? Nein. Im Gegenteil: Immer wieder berichtet die Apostelgeschichte, dass Paulus Amtsträger in den neu gegründeten Gemeinden einsetzte. Vereinzelt erinnert Paulus sogar selbst solche Gemeindeleiter daran, dass sie von ihm unter Handauflegung und Gebet einen Auftrag erhalten haben, den sie auch weitergeben sollen (1 Tim 4,12; 2 Tim 1,6; Tit 1,5).

Ist die Apostolische Sukzession notwendig?

Für die altkirchliche Sicht auf dieses Thema ist daher die Apostolische Sukzession entscheidend wichtig. Da Christus – auch ein Ausdruck seiner Menschwerdung – sein sakramentales Wirken an die Kirche gebunden hat, hängt die Wirklichkeit der Sakramente auch ganz konkret an der Wirklichkeit der sie spendenden Menschen. Das bedeutet, dass nur derjenige eine Weihe weitergeben kann, der sie auch selbst bekommen hat, und so weiter – bis zurück zu den Aposteln, die von Christus selbst die Vollmacht zur Sakramentenspendung empfangen haben (zum Beispiel die Beichte: Joh 20; oder die Eucharistie: 1 Kor 11,23; oder das kirchliche Amt: Clemens, Korintherbrief 44,1-2). Eine Apostolische Sukzession, die erst irgendwann später einsetzt (z. B. mit Martin Luther) oder eine nur priesterliche Sukzession verwirklichen diese gottgewollte Struktur nicht.

Von vielen – nicht nur protestantischen Kirchengeschichtlern – wird zwar bestritten, dass die Apostolische Sukzession wirklich auf die Apostel zurückgeht und stattdessen angenommen, sie sei nur eine spätere theologische Konstruktion. Dem möchte ich freilich mit einem einfachen Argument entschieden widersprechen: Wenn der heilige Clemens behauptet, dass Christus das Amt gestiftet und den Auftrag gegeben hat, es durch Handauflegung weiterzugeben, gibt es genau drei Möglichkeiten: er lügt, er irrt sich, oder es ist wahr. Um die ersten beiden Möglichkeiten zu behaupten, sehe ich bei keinem modernen Kritiker die moralische oder sachliche Berechtigung. Ich halte mich daher – mit der ganzen alten Kirche – an die dritte Möglichkeit.

Von protestantischer Seite wird im Anschluss an Luther oft eingewandt, dass die Apostolische Sukzession in einer Sukzession der wahren Lehre bestehe. Wo das reine Evangelium gepredigt wird, da sei auch die Apostolische Sukzession verwirklicht, eine Übertragung des Weiheamtes sei dazu nicht nötig. Das ist sicher ein schöner Gedanke, aber er entspricht definitiv nicht der Auffassung der Kirchenväter. Bei Irenäus geht der Argumentationsgang genau umgekehrt: Bei Bischöfen, die für ihren Amtssitz eine Apostolische Sukzession (als Abfolge von Bischöfen seit der Apostelzeit) vorweisen können, da darf auch mit reiner Lehre gerechnet werden – im Unterschied zu den Führern der neuentstandenen Irrlehren.

Braucht die Kirche das Petrusamt?

Besonders deutlich wird der Unterschied in der Lehre von der Kirche zwischen den Konfessionen in der Frage nach der Rolle der Bischöfe und des Papstes. Bezüglich des Bischofsamtes gibt es im weltweiten Protestantismus noch eine gewisse Bandbreite: Die riesige Mehrheit, darunter die deutschen Protestanten und natürlich auch fast alle Freikirchen, lehnen das Bischofsamt als Weiheamt entschieden ab. Einige wenige, darunter die schwedischen Lutheraner (und sowieso die Anglikaner) legen dagegen großen Wert auf die Bischöfe und ihre Weihe. Beim Papstamt sind sie sich aber alle einig: Es sei unbiblisch und gegen Gottes Willen. Sie sind der Meinung, dass die Verheißung Jesu an den Apostel Simon „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16,18f.) nur ihm persönlich oder nur seinem Glauben gelte und seit seinem Tod eigentlich bedeutungslos sei.

Mit den Orthodoxen sind die Protestanten übrigens auch nur darin einig, dass sie dem Papst den Jurisdiktionsprimat über die ganze Kirche bestreiten. Dass der Patriarch von Rom aber den Ehrenvorrang vor allen Patriarchen der Kirche hätte, (wenn er aus orthodoxer Sicht rechtgläubig wäre,) geben auch – anders als die Protestanten – die Theologen der Ostkirchen zu. Von den Konzilien wiederum werden faktisch nur die ersten vier (325, 381, 431, 451) anerkannt und selbst diese nur mit ihren dogmatischen Beschlüssen, nicht aber die sonstigen Regeln („canones“), die sie erlassen haben.

Ist die Kirche unsichtbar?

Eine letzte Frage, die ich im Zusammenhang der Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) kurz anschneiden möchte: Ist die Kirche sichtbar oder unsichtbar? Aus Sicht der meisten heutigen Protestanten besteht die Kirche Jesu Christi aus allen Gläubigen aller Konfessionen. Zu welcher Kirchenorganisation man gehört, ist nicht von großer Bedeutung, solange man den Glauben an Jesus Christus teilt und sich von seinem Kreuzestod die Vergebung der Sünden und das ewige Heil erhofft. Aus katholischer (und altkirchlicher) Sicht ist die Zugehörigkeit zur Kirche als Organisation jedoch durchaus wichtig. Wenn man auch nicht ausschließen kann, dass Menschen außerhalb der katholischen Kirche (und sogar außerhalb des Christentums) gerettet werden können, so gilt doch als normaler Weg zum Heil, dass man in die katholische Kirche eintritt, bzw. in ihr bleibt (Lumen Gentium 14). Und diese Kirche ist eine sichtbare Gemeinschaft. Sie ist heilig (auch wenn nicht alle Amtsträger heiligmäßig und rechtgläubig sind) und hat Strukturen, die heilsvermittelnd (nicht heilschaffend!) sind. Sie ist nicht nur eine mehr oder weniger gelingende menschliche Organisation, sondern eine göttliche Stiftung, in deren Sakramenten das Wirken Gottes zuverlässig gegenwärtig ist. Natürlich gibt es auch zu dieser Frage im Protestantismus eine gewisse Bandbreite zwischen konservativen Lutheranern und Freikirchlern, wobei erstere dem katholischen Kirchenbild deutlich näher stehen.

Ist ein ökumenischer Durchbruch in der Amtsfrage möglich?

In der vorigen Folge habe ich darauf hingewiesen, dass das „Sola Scriptura“ die Quelle aller Differenzen zwischen altkirchlicher und protestantischer Theologie ist. Das zeigt sich auch hier: Weil die Lehre von der Kirche (in der Lutherübersetzung steht für dieses Wort konsequent „Gemeinde“) und ihren Ämtern im Neuen Testament nicht dogmatisch entfaltet ist, hält man sie im Protestantismus für nachrangig, bzw. variabel und versucht, anhand der wenigen Bibelstellen zum Thema ein Modell von Gemeinde zu erkennen, das man für das urchristliche hält, also: ohne Weiheämter, dafür mit demokratischen Strukturen bis in die höchsten Ebenen und gewählten Ältestenräten als höchsten Beschlussgremien (weil griech. presbyteros wörtlich übersetzt wird mit „Ältester“, anstatt im übertragenen Sinn als „Priester“, wie es – das verrät ja schon das Wort – auch in der Alten Kirche gemeint war!).

Ein echter Durchbruch in der „Amtsfrage“ ist also ohne Abkehr vom „Allein die Schrift“ nicht zu erwarten.

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Dieser Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift "Kirche heute" im Oktober 2016.